Wille GmbH : Press : Press Review : BlnZg 03/07

Berliner Zeitung vom 17.03.2007

Das hat Größe
Mit dem richtigen Volumen an Selbstbewusstsein kreiert runde Mode die tollsten Kurvenstars

Kate Dillon ist "das Gesicht" von Marina Rinaldi. Die 33-jährige Texanerin verkörpert mit ihrer fülligen Schönheit prächtig die italienische Venus für das sogenannte Plus-Size-Label des Modeunternehmens Max Mara. In der Kleiderkampagne für den Sommer der Molligen tritt sie in Aschenputtelschläppchen und Glamourkleid aus den Seiten der einschlägigen Magazine. Die kastanienbraune lange Mähne haben sie ihr auftoupiert wie sonst Ornella Muti und sie lustvoll mit Preziosen behängt. Kate Dillon steckt in einem kostbaren Goldfähnchen, das sich provozierend nachlässig um ihren Göttinnenleib schmiegt. Wer sagt's denn? Kein einziges Pfund zu viel. Man muss es nur zu verpacken wissen.

Marina Rinaldi ist Max Maras Label für Frauen, die mehr zu bieten haben. Hülle für die Fülle in den Größen 46 bis 56. Seit 1980 hat sich das Unternehmen auf diese Nische spezialisiert. Marina Rinaldi und ein paar andere Kleidermacher setzen die Vorzüge der Frauen in den so genannten Anschlussgrößen 42 bis 48 und darüber ins beste Licht. Schließlich gibt es jede Menge schöner Frauen zwischen Bohnenstange und Barock. Nur um es gleich klarzustellen, wer eigentlich in der Nische ist: Jede Frau, die Kleidergröße 38 und weniger trägt, hat bei Rinaldi und Konsorten das Nachsehen. Sie ist nämlich Teil jener Minderheit, der gerade mal ein Fünftel aller deutschen Frauen angehört. Eine Minorität allerdings, für die fast alle Kleidermacher der Welt am liebsten arbeiten.

Die anderen lassen sich was einfallen. Auch Anna Scholz hat den Runden ihr Berufsleben gewidmet. Die attraktive 37-Jährige mit dem Gardemaß von 1,84 Meter steckt selbst in Kleidergröße 52. Seit 13 Jahren lebt sie in London, wo sie am hochgerühmten Central Saint Martins College of Art & Design ihren Abschluss als Modedesignerin machte. Ihre Kleider verkauft sie längst in alle Welt. Sexy sind sie und gar nicht kaschierend. Wickelkleider in fließendem Material, die ein herrliches Dekolleté machen. Spitzenmäntel, seidige Morgenröcke mit Pailletten bestickt und jede Menge kleine Schwarze. "Wir sind doch alle sehr unterschiedlich", sagt sie lakonisch. "Die eine hat einen tollen Busen, die andere einen sinnlichen runden Hintern, die nächste super Beine. Wenn Frauen doch bloß mehr Mut zu ihrer eigenen Sinnlichkeit hätten!"

"Erst kommt dick und dann die Mode", ärgert sich Anna Scholz. "Meine Muse und Musterfrau hat atemberaubende Größe 44, ist fest im Fleisch und stolz auf ihren tollen Busen. Selbstbewusst schwingt sie ihre wundervollen Kurven." Seien wir doch mal ehrlich: Das Positivste, was den dickeren Frauen gerade noch zugestanden wird ist, dass sie besonders lustig sein sollen. Dabei ist den meisten von ihnen spätestens beim Einkaufsbummel der Spaß vergangen. Schlabberlook und Zeltschnitte als Alternative zum modischen Outfit sind oftmals das Höchste, was der Einzelhandel ihnen zu bieten hat. Im großen durchgestylten Laden für Dünne ist irgendwo noch eine kleine Ecke für die Dicken. Das macht wirklich keiner Freude.

Doris Megger in Düsseldorf kennt sich da aus. Die (schlanke) Inhaberin des eleganten Ladens Curves & Co., spezialisiert auf Mode für mollige Frauen, weiß, wie bedienungsintensiv ihr Kundenstamm ist. Sie und ihre (nicht zu dünnen) Mitarbeiterinnen setzen in Szene, was sowieso schön ist an einer Runden: ihr prachtvolles Dekolleté, hin und wieder eine tolle Taille, ein knackiger Po: "Das Schlimmste ist doch eine Hose mit Gummizug und was Langes drüber!" Doris Megger findet außerdem, dass jeder Hintern in eine Jeans passt, es muss nur die richtige sein. Ihre Kundinnen sind längst in ihren Körper angekommen: Schluss mit den Kompromissen! Her mit dem Bustier!

Das in Berlin forschende Robert-Koch-Institut hat das Dickerwerden der Deutschen genau im Blick. Es hat herausgefunden, dass derzeit 55 Prozent der Frauen und 67 Prozent aller Männer zu schwer sind; bei den Kindern liegt Deutschland sogar dicht hinter dem Spitzenreiter USA. Im Dezember war in der "Süddeutschen Zeitung" zu lesen: "Der Brustumfang deutscher Frauen lag 1972 noch bei 97,9 Zentimetern, heute sind es fast 100. Die Taillen schwollen von knapp 79 auf heute fast 84 Zentimeter, die Hüften von 101,7 auf 104 Zentimeter", so zitierte das Blatt die Daten des Hohensteiner Institute, das im Auftrag der Textilbranche die Deutschen vermisst.

Die Zukunft wird also fülliger. Bis dahin müssen modebewusste Frauen, die was drauf haben, noch die Stecknadel im Heuhaufen suchen, wenn sie die Lust auf ein neues Outfit packt. Hennes & Mauritz ist da längst en vogue mit seiner BiB-Kollektion (Big is beautiful) - und schiebt sie trotzdem wenig selbstbewusst in die letzte Ecke. Anna Scholz kennt das: "Die meisten Designer und auch die Läden wollen sich ihr Image nicht kaputtmachen lassen. Keiner will den Fettstempel kriegen", stöhnt sie. Kleider für größere Größen werden eben immer noch als Komplexbewältigung verstanden, und so sieht es denn auch aus. "Den Dünnen steht doch sowieso alles", resümiert die Designerin schulterzuckend. "Wer üppig ist, muss sich viel mehr Gedanken machen."

"Lieber figurbetont als Leggins unterm Zeltlook", findet auch Doris Megger, und überlegt, ob sie nicht endlich einen Laden in Berlin aufmachen sollte. Ihre Kundinnen verhüllt sie lieber kurz und knapp als kaschierend, stellt das Schönste an ihnen heraus. Auch Anna Scholz' Kleider preisen die Sinnlichkeit der Kurven: "Ich mag keine flachen Ärsche", sagt sie. Wichtig ist die Auswahl qualitativ hochwertiger Stoffe. "Ansonsten ist eigentlich alles möglich. Bei ihren Schnitten arbeitet sie "nach vorne raus", wie sie das nennt: "Die Seiten werden nicht überbetont, dann sehen die Frauen nicht aus wie Schränke." Scholz rät außerdem zu mehr Mut bei der Farbe und Mustern. Ist das Weib schon mal so prachtvoll, sollte das auch betont werden. "Und bauchfreie Tops stehen wirklich niemandem über 20."

So was gibt's bei Wille natürlich auch nicht. Das Fachmagazin "Textilwirtschaft" hat das Berliner Familienunternehmen einmal den "Armani für Mollige" genannt, wegen seiner lässigen Business- und Freizeitmode im Spektrum aller Größen von 38 aufwärts. Da muss sich niemand durch die dünne Minderheit benachteiligt fühlen. Nur Größe 56 und mehr steht nicht zur Verfügung, weil die sehr runden Damen dann doch lieber per Katalog von zu Hause aus bestellen. Bei Quelle heißt die Kollektion für die Molligen neutral "Meine Größe", während Neckermann sie eher hartgesotten "Happy Size" nennt.

Kaum jemand weiß, wer von den bekannten Designern auch einzelne Teile für große Größen schneidern lässt. Es gibt sie, die Dicken gereichen den glamourbewußten Modemachern allerdings selten zum Glanz. Mariella Burani ist ein positives Beispiel - oder Elena Miro, deren Supermodel Crystal Renn und andere gerade auf den Mailänder Modeschauen prachtvoll in Rot, Gelb, Grün und Schwarz gehüllt die Herbst- und Wintermode für Ladys mit Größe 40 plus präsentierten. Sexy schmale Etuikleider, Tulpenröcke, Marilyn-Monroe-Kleider mit Bustiertops und Chiffonblusen mit eleganten Schluppen waren echte Knaller. Weiblich, sinnlich und stolz auf jedes Kilo, das ist das Credo des italienischen Herstellers. Magermodels haben keine Chance.

Man spricht vom mediterranen Frauentyp. In Italien war es eben schon immer sehr sexy, etwas mehr drauf zu haben. Sophia Loren oder Gina Lollobrigida, wer könnte ihre Kurven je vergessen. "Eine Frau, die nicht auffallen will, sollte morgens gar nicht erst aufstehen", sagt Anna Scholz entschieden. Und da wäre ja auch noch das neue Gesicht von Emilia Lay: Christine Neubauer, attraktive Schauspielerin und längst bekannt durch ihren offensiven Umgang mit ihren üppigen Reizen. Das "Vollweib" räkelt sich in Goldlamée auf der Internetseite des Versandhandels für barocke Schönheiten - Christine Neubauer ist die deutsche Antwort auf Kate Dillon.